Shadowrun-HH

Was Niemand so alles erlebte

Liebes Tagebuch,
was eigentlich ist so furchtbar lieb an einem Tagebuch? Schließlich bist Du doch keine beseelte Entität, die sich voller Güte mit den grauenhaft banalen Bewusstseinsinhalten dieses gefälschten Lebens vollschreiben lässt. Kein geduldig-weiser Historiograph, der freundlicherweise still hält, während man ihm umständlich einen Bären aufbindet. Mich wundert am meisten, dass ich überhaupt noch so viele Adjektive gebrauchen kann. Das wundert mich in der Tat … Aber ich schweife ab, liebes, herzensgutes Tagebuch. Du bist gewiss milde erstaunt, dass gerade ich mich gerade jetzt an Dich wende. Nach all der Zeit, ein ganzes Leben später. Der wahrhaftige Grund, soweit ich ihn mir eingestehen mag, ist zweifaltig: Zum einen gibt es gegenwärtig keinen Bedarf mehr an der Anfertigung von Protokollen, da ich meinen Job los bin. Die offizielle Nomenklatur für meinen Status lautet „suspendiert“. Aber so wie die Dinge liegen, fürchte ich, in ähnlicher Art „suspendiert“ zu sein wie Caesar während jener Senatssitzung im Theater des Pompeius. Zum anderen habe ich niemanden mehr. Nicht einmal mich, denn ich bin ja nicht mehr ich, sondern „Art Pasetti“. Ts, typisch meine Hybris! Den sprechenden Namen konnte ich mir wohl auch nicht verkneifen. Egal. Nein, der Artie der hat keine Freunde. Nur Kollegen, Verzeihung, Ex-Kollegen. Und deren Intellekte sind, sagen wir „bedarfsorientiert“. Aber was will man auch erwarten. Na ja, vielleicht, dass jemand Verdacht schöpft, wenn bedauernswerte, frisch suspendierte Crétins wie wir von einer der Top-Shadowrunnerinnen der Welt angeheuert werden, um etwas zu tun, für das wir ebenfalls nicht qualifiziert sind. Beati pauperes spiritu. Faex. Und so, herzallerliebstes Tagesbuch, musst nun eben Du Dir die Erlebnisse eines Niemand auf die Seiten schreiben lassen.

Was ich zu berichten habe, ist leider auch nicht lieb. Es sei denn, man bezeichnet die Werke von Hieronymus Bosch oder Franz von Stuck als lieb. Unsere kleine Schar von Möchtegern-Schattenläufern suchte also gestern (in Avnis fahrender Ethno-Seifenoper von einem Transporter) die Privatwohnung eines gewissen Neil Scott in der Barmbeker Burmesterstraße auf. Neil war der Bruder von besagter Alpha Blue und seines Zeichens wohl ein wahrer “Künstler“ im Bereich Elektronik. Er wurde wahrscheinlich im Auftrag der Firma Multitec ermordet, weil die Blaupausen für einen neuartigen optischen Multitec-Chip über den Hehler und Erfinder Jack Vanian in seine Hände gefallen waren. Scott fand heraus, dass ein solcher Chip nicht nur revolutionär günstig sein würde, sondern auch fantastisch schädlich für seine Nutzer. (Es rührt mich immer wieder, wenn meinen Mitmetamenschen auffällt, dass es ungünstige Folgen haben könnte, sich Geräte in den Körper operieren zu lassen.) Die Blaupausen hatte Vanian zuvor von einem Oberidioten der Eisernen Legion namens „Boxer“ erhalten – und zwar in Form eines Cyberauges. Der technische Plan des Chips war als letztes Bild auf dieser technischen Abscheulichkeit gespeichert … Doch zurück zu unserer wackeren Amateur-Detektivgemeinschaft: Dank Valeries Einbrecherkönnen verschafften wir uns Zugang zu der kleinen Zweizimmerwohnung, deren Einrichtung mit einer dicken Staubschicht bedeckt und entsprechend wohl schon lange verlassen war. Hier gab es außer Milben nichts lebendiges und auch sonst nichts von Belang.

Da der Tag bisher offenbar weder lang noch gefährlich genug gewesen war, entschloss man sich sodann, der Arbeitsstätte von Herrn Scott einen Besuch abzustatten. Diese befand sich im architektonisch bemerkenswerten Störtebekerhaus in Hamm. Bemerkenswert deshalb, weil diese steingewordene Geschmacksverirrung wohl den Anschein vor klassizistischer Architektur erwecken möchte. Leider ist auch für den Laien offensichtlich, dass es keine hundert Jahre alt sein kann. Das Foyer zerschlägt dann auch die letzten Hoffnungen auf Kunstempfinden mit einem gigantischen, knallbunten Kinderquiteschehammer aus Geschmacklosigkeiten, der auch aus Avnis Transporter stammen könnte. Der echte Störtebeker jedenfalls hätte diesen Bau ohne zu zögern niedergebrannt. Nachdem unsere Femme Cambrioloage die Wohnungstür (Zimmer 213) geöffnet hatte, wurden wir zu meiner offenbar exklusiven Beunruhigung von einer Stimme begrüßt, und zwar mit den Worten „Hallo! Lange nicht gesehen!“. Diese Stimme hatte aber anscheinend eine technische Quelle, da auch diese Wohnung verlassen war. Meine werten Ex-Kollegen fanden hier offenbar eine ganze Reihe von veritablen technischen Wunderdingen. Wie ich mir dann erklären ließ, handelte es sich dabei um einen sogenannten Remote-Firing-Mechanism, einen Cyberware-Scanner, ein stark aufgerüstetes Cyberdeck … und, ach ja, eine munter piepende Bombe. Aus Gründen, die ich wohl nicht weiter erläutern muss, verließen wir dieses Etablissement flugs wieder – allerdings nicht, ohne die gefundenen Technikwunder mitzunehmen, nebst einer Visitenkarte mit Vanians Privatadresse. Ich bin mir sicher, dass wir spätestens seit dem Verlassen des sogenannten Stötebekerhauses bei allen Starfverfolgunsgesellschaften einen gewissen Berühmtheitsstatus errungen haben.

Was nun folgte, ist nicht schwer zu erraten: Trotz der fortgeschrittenen Stunde begaben wir uns zum Privatdomizil von Jack Vanian. Dieses liegt in einem eingezäunten und bewachten Viertel für Bessergestellte in Eimsbüttel. Zu unserem Glück hatte der Pförtner am Einfahrtstor keinerlei Gespür für Gefahren. Und so gelangten wir ungehindert zu Vanians Wohnung. Spätestens jetzt wünschte ich mich mit aller Macht wieder zurück ins Störtebekerhaus. Die Verbrechen gegen die Ästhetik, die sich die Planer dieser bewachten Vorhölle zweifellos aktiv auf die Fahnen geschrieben haben, spotten jeder Beschreibung und werden hier ganz sicher nicht noch durch Erwähnung gewürdigt. Als wir auch diese Wohnung im zweiten Stock mühelos betraten, wurden wir durch die Anwesenheit eines Menschen überrascht. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um niemand anderen als Jack Vanian, den wir eigentlich für einen der Toten in seiner „Pfandleihe“ gehalten hatten. Sein physischer und psychischer Zustand war indes so schlecht, wie meiner eigentlich sein müsste, wenn ich noch halbwegs bei Verstand wäre. Der Mann hatte Todesangst. Und das natürlich völlig zurecht. Seine Wohnung war eine Art Projektion seines Geisteszustands: vollständiges Chaos. Und erst der Geruch! Widerwärtig. Nachdem wir Herrn Vanian beruhigen konnten, berichtete er uns, wie er an die Blaupausen des Optikchips gekommen war und diese an Herrn Scott weitergegeben hatte. Wir erzählten ihm im Gegenzug von unseren herrlichen Abenteuern sowie auch vom blonden Tod namens Richards, den Vanian offenbar nicht kennt.

In diese beschauliche Situation brach ein fünf Personen starkes Söldnerkommando ein, das sogleich das Feuer auf uns eröffnete. Schnell warfen wir Möbel um, hinter denen wir in Deckung gingen. Ich sprach Hot Poatoe auf die Angreifer, doch der Spruch wurde nur bei zwei Söldnern wirksam. Iva und Valerie feuerten auf unser Angreifer. Avni verschaffte uns mit einer Physischen Barriere etwas Zeit, während Rolf versuchte, über den Balkon zu etkommen. Alldings hörte ich wenig später auch aus dieser Richtung Schüsse. Es sah nicht sonderlich rosig für uns aus …

Comments

chummer YourSovereignHost

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.